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Beziehung statt Erziehung – Haben die Kinder jetzt das Sagen!?

9. Dezember 2016

Es ist ein Spagat! Das erlebe ich selbst und beobachte ich in meinem Umfeld. Der Wunsch, beziehungsorientiert seine Kinder zu begleiten, artet oft in eine Überforderung und Unsicherheit aus. Ich schreibe heute aus Sicht der Erwachsenen zu sich selbst und nicht primär mit dem Blick auf unsere Kinder.

Was meine ich mit Überforderung und Unsicherheit?

Ich denke, dass wir Eltern unsicher werden, bei dem Versuch, Beziehung zu leben. Unsicher, weil wir nicht ganz klar hinter unseren persönlichen Grenzen und Bedürfnissen stehen. Ein beziehungsorientierter Alltag bedeutet für mich, dass wir alle schauen, dass es uns gut geht und wir auch klar mit uns sind.

Wie ich im letzten Beitrag zum Thema Grenzen verbloggt habe, geht es bei dem beziehungsorientierten Weg nicht um ein permanentes Überschreiten der eigenen Grenzen, ob aus Sicht des Kindes oder des Erwachsenen. Es geht um Achtsamkeit mit sich selbst und dem Gegenüber. Mein Kind ist gleichwürdig und hat eigene Bedürfnisse und Grenzen, genauso wie ich sie habe, mein Mann sie hat und alle anderen Menschen sie haben. Niemand hat die Befugnis, über die persönlichen Grenzen des anderen zu gehen, oder!?

Kinder müssen erst lernen die Grenzen anderer Menschen zu wahren. Babys haben diese Grenzen noch nicht. Eine Mutter, die immer über ihre eigenen Grenzen geht, hilft aber niemanden! Alles vom Kind entschieden lassen? Einfach weg sehen, weil die Mama nicht weiß, was zu tun ist? Keine Lösung für ein Problem zu haben? Keine Klarheit in sich zu spüren?

Findet ihr hart formuliert?

Ist es auch! Es ist hart für uns, unsere eigenen Grenzen an den Geist des Attachment Parentings zu verkaufen. Die eigene Beziehung zu sich selbst zu verhökern, für einen Gedanken, der einfach oft falsch verstanden wird. 

Ich hatte erste Tendenzen so zu werden, bis mir meine Freundin den Spiegel vorgehalten hat. Ich habe mich in meinen Gedanken etwas zurück gezogen und fühle mich nun wieder gestärkt. Ich bin in der Befugnis als Elternteil, für mich zu sorgen und mein Stopp zu setzen, wenn meine Grenze erreicht ist.

Wie setze ich denn ein Stopp?

Zu allererst ist es wichtig, dass ich mir darüber klar werde, was wirklich Grenzen und tiefe Bedürfnisse für mich sind. Ich rede jetzt nicht von alten Erziehungsmustern und Glaubenssätzen, sondern wirklich von persönlichen Grenzen und Bedürfnissen. Ich habe gemerkt, dass ich mich irgendwie verloren hatte. Ich wurde zu einem Attachment-Parenting-Geist!

Attachment-Parenting-Geist?

 Ja, ich glaubte, dass die Bedürfnisse meiner Tochter über allem stehen. Ich habe vergessen, dass ich genauso wichtig bin. Ein Stopp zu setzen fiel mir schwer, aber ich versuche es nun täglich. Letzte Woche war ich krank. Ich habe mich oft im Bett ausgeruht. Ich hatte eine Grenze, dass ich nicht mehr konnte und das Bedürfnis nach Ruhe. Ich habe meine Schwester, meinen Mann und meine Eltern und Schwiegereltern um Hilfe gebeten, sich um mein Seidenraupenkätzchen zu kümmern. Mein Mann hat den kompletten Vormittag übernommen. Wir haben in dieser Woche keine Wäsche gewaschen und kaum einen Handschlag im Haushalt gemacht, aber ich habe mich ausruhen können. Ich habe für mich gesorgt. Nach einer Woche war ich fit, obwohl ich kein Medikament eingenommen hatte.

Ich fühlte mich eher bestärkt, als dass ich ein schlechtes Gewissen hatte. Ich bin stolz auf mich, dass ich die ersten Schritte in Richtung Attachment-Parenting-Mama, die Sorge für sich selbst trägt, gegangen bin. 

Denn: Es geht beides zusammen!  Bindungs-und beziehungsorientiert mit Kindern zu leben und sich selbst nicht zu vergessen. 

Es ist keine einseitige Richtung, keine Einbahnstraße! Es ist eine verkehrsberuhigte Zone, in der alle Platz haben. 

Ich habe mein Stopp erkannt!!!!

Das Seidenraupenkätzchen hatte eine schöne und abwechslungsreiche Woche. Ich muss dazu sagen, dass sie diese Menschen ja alle sehr gut kennt, mit denen sie die Nachmittage verbringen durfte. Sie hat meinen Frust nicht abbekommen, weil ich krank und überfordert gewesen wäre. Ich habe gelernt, auch auf andere Menschen zu vertrauen. Wir haben in dieser Woche einfach alle etwas gelernt.

Unsere Tochter ist noch klein, wäre sie größer, hätte sie erlebt, dass eine Mama auch mal krank ist und für sich selbst sorgen muss und es auch absolut in Ordnung so ist.

Hätte ich keine Hilfe gehabt, wäre die Sache eine andere. 

Wie wäre es dann gewesen? 

Ich hätte für mein Kind da sein müssen, aber ich hätte schauen können, dass ich meine Grenzen und Bedürfnisse sehe. Ein Spagat, weil dieses Erkennen erst einmal geübt werden muss.

Hätte sie viel getragen oder viel Körperkontakt haben wollen, wäre ich im Zwiespalt gewesen. Zwiespalt, mit meinem Anspruch der Attachment Mama und dem Bedürfnis nach Ruhe, um zu Kräften zu kommen. 

Ich hätte es, glaube ich, erklärt und begleitet, ruhige Spiele gespielt, Termine abgesagt, mich auf die Matratze im Spielzimmer gelegt, Geschichten gelesen oder einfach „nur“ das Spiel des Kindes beobachtet.

Es ist nichts dabei! 

Wir sind nicht perfekt! Wir dürfen krank sein und nur 50 Prozent geben. Wir können unsere Grenzen wahren und trotzdem liebevoll und in Beziehung sein! Ich glaube, dass mein Kind keinen Schaden davon trägt, wenn ich sage : „Schatz, ich fühle mich ganz krank und schlapp und möchte jetzt hier auf der Matratze liegen. Möchtest du da drüben klettern oder mit den Bausteinen spielen? Ich sehe dir gern dabei zu.“

Ich glaube, wenn ich so bei mir bin und meine persönlichen und hier ja besonders auch körperlich schaffbaren Grenzen einschätzen kann, dann bin ich authentisch. Dann weiß mein Kind, was hier los ist und spürt die Klarheit in mir. 

Es braucht nicht über meine Grenzen zu treten, sie nieder zu treten, weil ich sie selbst nicht spüren möchte oder kann. Kinder zeigen uns oft, was wir nicht mehr fühlen können oder wollen. Sie helfen uns damit, uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen zu befassen.

Ich sehe immer mehr den Sinn in der Klarheit zu sich selbst. Das hat für mich absolut nichts mit Erziehung zu tun, wenn ich meine persönlichen Grenzen definiere. 

Wenn ich es dann noch schaffe, diese auch beziehungsorientiert zu äußern, dann bin ich schon einen ganzen Schritt weiter RICHTUNG Beziehung und weg von der Erziehung.

Eure Leen

 

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4 Comments

  • Reply Britta 10. Dezember 2016 at 09:45

    Liebe Leen,
    ich finde, dass du absolut Recht hast. Nur wenn man ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse und eine gesunde, tragfähige Beziehung zu dich selbst hat, kann man auch gut die Bedürfnisse (nicht die Wünsche, sondern die Bedürfnisse!) der Kinder wahrnehmen und tragfähige, sichere Beziehungen zu ihnen aufbauen.
    Für mich schließt die Beziehung die Erziehung auch nicht aus, ganz im Gegenteil.
    Wenn du Lust hast, kannst du hier meine Gedanken zum Thema lesen.
    https://souveraen-erziehen-und-begleiten.blogspot.de/2016/07/erziehung-vs-beziehung.html?m=1

    https://souveraen-erziehen-und-begleiten.blogspot.de/2016/09/gedanken-zum-attachment-parenting.html?m=1

    Liebe Grüße,
    Britta (souverän erziehen und begleiten)

    • Reply Leen 11. Dezember 2016 at 12:01

      Hallo Britta,
      ich werde es mit heute Mittag durchlesen.
      Liebe Grüße Leen

  • Reply Nic* von minimalistmuss.com 16. Dezember 2016 at 13:14

    Schöner Text.
    Und ich stimme dir voll zu. Ich überzeugt davon nur eine gute Mutter sein zu können und das richtige Selbstwertgefühl vorleben zu können, wenn ich mich selbst auch vor meinem Kind selbst wertschätzen kann. ABER Dein Text ist auch ganz schön aus der Utopie heraus geschrieben und hört sich deshalb wie „leicht reden“ an. Klar bist Du krank gewesen und klar ist das nicht toll, aber für viele lebst eben trotzdem auf „dem Ponyhof“. Das ist nicht als Angriff oder abwertend gemeint, aber Deine Situation ist (trotz temporärer Krankheit) immer noch verdammt bequem. Die Leben Anderer sind weitaus komplizierter – nun gut , ich sehe es dann auch wieder von ganz anderen Ende: Ich selbst lebe im Ausland, lebe das sogenannte „Expat life“ und schwirre dementsprechend auch in diesen Kreisen, mit Menschen in genau derselben Situation. Familie VERDAMMT WEIT weg, ewig fremd in der neuen Gegend (auch wenn sie gar nicht so neu ist), andere Kultur, andere Wertesysteme, ein Partner der viel weg ist (sich den Allerwertesten aufreisst um die Familie finanziell zu versorgen, aber eben nicht viel da ist und dann auch mal Zeit braucht um auch nciht ständig das Gefühl zu haben die ganze LAst tragen zu müssen), kein soziales Auffangnetz in das man die Kinder in temporäre Obhut geben kann um sich um sich selbst kümmern zu können…
    also JA, wir alle sollen und müssen uns mehr um unsere eigenen Grenzen kümmern, aber wie viele haben wirklich die Wahl oder die Möglichkeit dazu? Ich freu mich für dich das Du diese priviligierte Situation hast und sie auch zu nutzen weisst, aber ich weiss von so vielen (und verstehe sie deswegen auch wenn sie sagen: schön dahergeredet) die keine Wahl haben als ständig ihre eigenen Grenzen zu überschreiten. Denn wenn dir die Ausweichmöglichkeiten fehlen, hiesse „Stopp setzen“ sich zurückzuziehen und Kinder allein zu lassen – und das ist dann keine Alternative.

    • Reply Leen 16. Dezember 2016 at 13:36

      Hallo Nic. Ich schreibe eine Ganze Reihe dazu. Immer zu einem anderen Thema. Heute z.B. zum Thema Bedürfnisse. Ja, jeder muss für sich und seine Situation schauen. Ich gebe doch keine Rezepte für deine Familie. Ich erzähle von mir. Du findest sicher dein ganz persönliches Stopp, für dich, spezielle auf deine Situation abgestimmt. Danke für deine Rückmeldung und ich wünsche dir einen schönen Tag

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