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Beziehung statt Erziehung und Bedürfnisse

16. Dezember 2016

Mein Artikel zum Thema „Beziehung statt Erziehung und der Umgang mit Grenzen“ hat einen schönen Kommentar von Kathrin vom Blog Öko Hippie Rabenmütter erhalten, den ich euch hier noch einmal zitiert habe.

Kathrin – Öko Hippie Rabenmütter

…Ich hatte kürzlich ähnliche Gedanken, dazu zwei Dinge: Du weißt, ich bin deiner Meinung. Niemals kann (gewaltvolle) Erziehung dafür sorgen, Bedürfnisse zu befriedigen, zu unterdrücken oder auf die lange Bank zu schieben. Es kann also nicht die Alternative einer völlig erschöpften Mutter sein, aus ihrer Haltung, mit ihrem Kind bedürfnisorientiert und gleichwürdig zu leben, herauszugehen und nun doch zu erziehen, weil ihre persönliche Grenze erreicht oder sogar überschritten ist. Doch wie erklärt sich die hohe Zahl an AP-Müttern, die uns burnout schlittern? Woher kommt das Gefühl, AP funktioniere eben nur, wenn man ständig eigene Grenzen missachtet? Denn, Fakt ist: es passiert ja nun tatsächlich ständig! Mütter sind mit allem allein und gehen ständig über ihre Grenzen hinaus, um die Bedürfnisse ihrer Kinder möglichst engmaschig und pointiert befriedigen zu können. Statt allerdings das System und die Gesellschaft, die diesen ehrenwerten Gedanken mit Füßen treten, Frauen mit allem allein lassen und sie dann auch noch in ihrem Bauchgefühl verunsichern, anzuklagen, wird der „Erziehungsstil“ kritisiert. Was für eine perfide Denkweise! Niemals also ist das Umfeld schuld daran, dass Menschen ausbrennen, während sie ihre Kinder gleichwürdig, liebevoll und bedürfnisorientiert behandeln? Niemals ist der „Clan“, der faktisch nicht mehr da ist, schuld an Müdigkeit, Erschöpfung und Depressionen überforderter Mütter – sondern die Tatsache, dass Sie Attachment Parenting leben. Das macht mich krank. Ich gebe dir in allem Recht, auch wir leben hier so. Keiner tanzt auf den Tischen oder auf meiner Nase herum und all das funktioniert ganz toll ohne Erziehung. Und doch: einen Clan gibt es nicht und der einzige Grund, weshalb ich zu den wenigen (!) Müttern gehöre, die noch nicht überlastet, erschöpft und auf gut deutsch am Arsch sind, ist der, dass ich bisher ein halbwegs gut funktionierendes Netzwerk hatte. Das ist jetzt zusammengebrochen und der Druck ist spürbar. So. Lange Rede kurzer Sinn: du hast recht und die anderen auch. Denn es passiert TATSÄCHLICH viel zu oft, dass Eltern ihre eigenen Grenzen NICHT wahren, ihre Bedürfnisse NICHT achten und Therapieplätze und Kuren brauchen, weil sie am Ende sind. Und das ist der Moment, in dem alle erziehenden Eltern sich bestätigt fühlen, dass Erziehung sein muss und nur so ein ausgewogenes Familienleben funktionieren kann. Was ich mir also wirklich von Herzen wünsche ist, dass deine, meine und so viele andere unerzogen-Texte dazu führen, dass Menschen verstehen, dass eben nicht die Art und Weise mit unseren Kindern zu leben das Problem ist, sondern das Umfeld. Und das viele Allein-mit-allem-sein.

Heute also weiter mit den Bedürfnissen und wie ich das alles so sehe.

Was sind Bedürfnisse überhaupt?

(Quelle)

(Quelle)
In der Ausbildung und auch im Studium sprachen wir über die Bedürfnispyramide von Maslow, die ich euch als Bilder eingefügt habe. Oben ganz klassisch, unten etwas moderner.

Physiologische Bedürfnisse 

Der untere Sockel unserer Bedürfnisse sind die physiologischen Bedürfnisse. Dieser Sockel ist somit unsere Basis, also alles was wir zum Überleben brauchen. Spannend finde ich auf dem unteren Bild, dass u.a. von Mineralstoffen, Wasser und Schlaf gesprochen wird. Wenn ich jetzt an eine Mama denke, die ein High-Need-Baby hat, dass die halbe Nacht durch die Räumlichkeit getragen werden möchte, dann bezweifele ich, dass diese Mama genügend Schlaf bekommen wird. So sehe ich das auch mit dem Wasser und der vitamin-und mineralstoffreichen Kost. Mit einem Säugling zuhause ist es möglich ausgewogen zu kochen, doch vielen Müttern fehlt da auch ab und zu einfach die Kraft und es wird zu schnellen Alternativen im Fastfood-Bereich gegriffen. Eine Freundin sagte mal, sie hätte es heute wieder nicht geschafft zu trinken, weil wieder so viel los war. Einer anderen Freundin ging es regelmäßig mit dem Essen so. Somit, finde ich, hat der Sockel der Bedürfnisse schon einen ganz schönen Knacks, wenn die Attachment Mama sich selbst vergisst.

Sicherheitsbedürfnisse

Die nächste Basis ist die der Sicherheit. Hier geht es um existenzielle Dinge wie, eine Wohnung, ein Job, finanzielle Mittel. Auch hier sehe ich kritisch, dass besonders bei Müttern, die eventuell ihre Kinder auch länger als ein Jahr selbstbetreuen möchten, eine erhebliche finanzielle Belastung auf die Familie zukommt. Diese Druck legt sich auf die Schultern und es ist ein Zwiespalt zwischen emotionaler Haltung und finanzieller Last. Aber auch die „normale“ Elternzeit geht mit finanziellen Einbußen einher.

Eine Mama mit einem Attachment-Baby kann sich dann auch noch einen Attachment-Sorgenbeutel zusätzlich ins Tuch hängen.

Der Pfeiler der Sicherheit, eine weitere Basis, hat ein paar Schläge bekommen.

Soziale Bedürfnisse

Womit wir bei den sozialen Bedürfnissen sind. Puh, sind wir ganz ehrlich! Alles allein machen? Ein Baby allein begleiten, in der Haltung des Attachment Parenting ? Vielleicht sogar mehrere Kinder? Es ist eine Aufgabe!!! Die Stufe der sozialen Beziehungen ist die dritte in der Rangfolge. Gut für sich zu sorgen und soziale Beziehungen zu pflegen fällt sicher nicht allen Müttern immer leicht. Wenn ich Berichte lese, in denen High-Need-Mamas schreiben, dass sie manchmal Stunden brauchen, bis sie ihre Kinder überhaupt angezogen bekommen, dann frage ich mich, wie sie ganz ernsthaft gut für sich sorgen und ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten pflegen!? Familie, als kleine Zelle, wird sicher gut gehen, aber wie sieht es da mit einem Mädelsabend aus? An denen die Mama einfach die Frau, Freundin, Beauty-Sister ist? Ich kenne es von mir. Mich länger als 3 Stunden, nach 20:00 Uhr weg zu stehlen, ist fast unmöglich.

Also wackelt sicher auch oft die dritte Stufe der Pyramide von der Attachment Mama.

Bedürfnis nach sozialer Achtung und Wertschätzung 

Du betreust dein Kind allein? Eine Umarmung, ein Liebes Wort, echte Wertschätzung? Ein Hilfsangebot? Das sind Haltungen, die ich selten spüre. Ich bekomme Aussagen wie, „Zuhause bleiben könnte ich nicht“ „Naja, muss man sich leisten können“. So richtig wertgeschätzt ist die Aufgabe der Mutter und Hausfrau übrigens auch nicht, wie ich es so beobachte und fühle. Das Mütter-Hausfrauen-Ding anzuerkennen, ist eher die Ausnahme. Sätze wie, „Da mussten wir alle durch“ sind leider noch viel zu häufig zu hören. Warum nicht einfach mal „Oh du trägst dein Kind noch, schön für eure Bindung!“ Oder „Hey ihr stillt noch? Schön, wenn es euch beiden damit noch gut geht!?“sagen? Irgendwas Nettes und ehrlich anerkennendes Liebes, wäre doch wirklich ein Balsam für die Seele einer Mama, die viel gibt. Doch oft passiert einfach das Gegenteil.

Somit wäre die nächste Säule am Knacken.

Attachment Parenting Mamas wollen vielleicht einfach nur mal ein Lächeln, ein liebes Wort, etwas Hilfe und kein falsches Lob oder ablehnende Aussagen.

Selbstverwirklichung

Womit wir bei der Selbstverwirklichung wären, die nur geht, wenn die unteren Säulen stehen.

Wenn Attachment Parenting Mütter ausbrennen, wie es Kathrin oben im Kommentar so schön beschrieben hat, kann es im Zusammenhang stehen, dass die Pyramidenstufen Beulen, Risse, Brüche und Stöße haben.

Bindungsorientierte Menschen sind sehr darauf bedacht, ihr Kind bestmöglich zu begleiten und vergessen sich darüber hinaus oft selbst. Somit schleift das Bedürfnis nach positiver Beachtung und individueller Freiheit und das eigene Selbst wird oft vergessen. Dazu habe ich HIER etwas geschrieben. Auf die Grundbedürfnisse von sich selbst wird wenig Acht gegeben, dafür umso mehr auf die Bedürfnisse des Kindes.

Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht richtig achten bzw. erfüllen, werden wir unglücklich. Eine Zeit lang können die eigenen Bedürfnisse hinten angestellt werden, jedoch ist das wirklich  zeitlich begrenzt. Es entsteht eine Spirale aus unerfüllten Bedürfnissen, Traurigkeit und Schmerz, wenn nie zu den eigenen Bedürfnissen geschaut wird. Besonders Menschen, die sich um andere Menschen „kümmern“, die andere Menschen begleiten, müssen auf ihre Speicher achten. Ein voller Speicher kann abgeben. Ein halbleerer Speicher wird leerer und trauriger und klappt irgendwann zusammen.

Und ich so?

Ich kann nur eine gute Mama sein, wenn ich das Leen-Sein auch wahre. Es ist völlig unmöglich immer nur die liebevolle Mutterrolle zu leben, also für mich ist das jedenfalls so. Ich bin auch kraftlos und brauche Pausen. Dann hole ich mir die Familien und den Clan zu Hilfe. Ich übe schon viele Jahre meine Bedürfnisse zu sehen und zu erkennen. Es ist nicht leicht, aber ich übe und gebe nicht auf! Wenn ich das versuchen kann, könnt ihr auch anfangen.

Um mehr zum Thema Bedürfnisse zu erfahren, empfehle ich diesen Artikel vom Wunschkind-Blog, der übrigens auch gehört werden kann.

Ich glaube immer mehr an die absolute Nützlichkeit des Clans. Vor einiger Zeit las ich einen Beitrag der Frühlingskindermama, der mich wieder stark daran erinnerte, wie wichtig doch ein Netz ist. Wir sollten alle wieder anfangen, uns diese Netze aufzubauen.

Ich bin traurig, wenn ihr lieben Mamas da draußen keine Unterstützung habt, wie meine liebe Frühlingskindermama oft mit ihrem Mann allein durch den Alltag muss.

Kleine Gesten, wie ich bringe dir einen Kasten Wasser oder ich gehe mit den Kindern spazieren? Eine Stunde Hilfe für einen Freund in der Woche ist besser als nichts. Lasst uns wieder anfangen umzudenken und einander helfen. Das finde ich übrigens aus Erzählungen meiner Familie zur DDR Zeit so schön.  Menschen im Ort, in der Straße waren ein Clan, halfen sich gegenseitig und konnten aufeinander zählen. Lasst uns Schritte aufeinander zugehen und gemeinsame Süppchen kochen. Ich habe jedenfalls Lust darauf.
Eure Leen

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2 Comments

  • Reply Tobias 9. September 2017 at 17:01

    Hallo Leen,

    schöner Artikel mit einer anderen Sichtweise auf Bedürfnisse, die ich so bis jetzt noch nirgendwo gelesen habe. Mach weiter so, ich lese in Zukunft gerne weitere Artikel von dir. 🙂

    Liebe Grüße,
    Tobias

    • Reply Leen 10. September 2017 at 13:48

      Hallo Tobias, ich danke dir! Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!!!Leen

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