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Beziehung statt Erziehung und der Umgang mit Grenzen!?

2. Dezember 2016

Es ist aber auch schwierig, ins Gespräch zu kommen! Ich hätte niemals gedacht, dass es so auf Gegenwehr stößt, wenn ich von unserer Lebenshaltung, der Beziehung statt Erziehung, spreche. Ich will ja noch gar nicht mal sagen, dass wir ganz „Unerzogen“ leben. Ich rede ja einfach erstmal nur davon, dass wir in Beziehung gehen und schon da bin ich die „Laissez-faire-Mama (machen lassen und laufen lassen, frei übersetzt) „, bei der das Seidenraupenkätzchen tun und lassen kann was sie will, wie z.B. sich von einem Auto überfahren zu lassen.

Den überall lesbaren Vergleich, dass wir alle unsere Kinder vor Autos und Züge laufen lassen, ist so skurril, dass  ich es kaum noch hören mag. Attachment-Mamas und Papas, Unerzogen-Mamas und Papas oder die Beziehung statt Erziehung Mamas und Papas (oft ist es ja eine Verschmelzung von diesen Haltungen, denn das Leben ist bunt, richtig? ) würden niemals ihre Kinder vor Autos oder Züge oder was weiß ich was laufen lassen. Dieser Vergleich hat absolut nichts mit der inneren Haltung zu tun, ein Kind in Gleichwürdigkeit, Liebe und Beziehung zu begleiten. Ganz ehrlich!

Würde mein Kind einer lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt sein, würde ich es sofort (auch gewaltvoll) von dem Bahnsteig oder von dem Auto weg ziehen. Ich habe die Verantwortung und da wird nicht lange gefackelt oder geredet oder in Beziehung gegangen. Da wird reagiert! Im Nachgang würde ich ganz in Ruhe die Situation noch einmal besprechen.

Persönliche Grenzen

Wir haben einfach persönliche  Grenzen und keine künstlichen Grenzen und das Achten dieser Grenzen, ist meiner Meinung nach, mit der Achtung von Bedürfnissen gekoppelt. Jeder Mensch hat seine eigenen persönlichen Grenzen und persönliche Bedürfnisse. Künstliche Grenzen sind für mich alte Erziehungweisheiten und Glaubenssätze, die ich schon einmal kurz hier verbloggt habe.
Nehmen wir ein ganz persönliches Beispiel, um es etwas näher zu erklären.

Mein Kind möchte gern den ganzen Tag von mir getragen und bekuschelt werden. Es hat somit ein Bedürfnis nach Nähe und bestimmt auch nach Geborgenheit. Ich gehe in Beziehung und bin da. Irgendwann ist aber meine persönliche emotionale Grenze erreicht und ich brauche ein paar Minuten für mich. Wenn es noch so klein ist, wie meins, dann wäre der Papa in der Nähe gut, um mir das Kind für ein paar Minuten abzunehmen. Wenn ich das Gefühl habe, Freiheit spüren zu müssen, kann ich sicher noch etwas herauszögern, wenn der Papa nicht gleich vor Ort ist.

Mein Kind kann das in diesem Alter noch nicht, da es noch eine fast sofortige Bedürfnisbefriedigung braucht. Wenn ich aber permanent über meine Grenzen gehe, dann merkt das mein Kind auch. Es fühlt meine Unausgeglichenheit und ich bin kein Vorbild, wenn ich vorlebe, dass ich immer über meine persönlichen Grenzen gehe und andere Menschen über mich selbst bestimmen. Das wird oft verwechselt, wie ich finde.

Von AP- Eltern und Bindungsmenschen wird in der Gesellschaft gedacht, dass wir den ganzen Tag über unsere persönlichen Grenzen gehen und unsere Kinder mit uns machen können, was sie wollen. Das ist ein völliges Irrbild. NEIN! Wir schauen auf alle Bedürfnisse & Gefühle von jedem aus der Familie. Wenn ich meine persönliche Grenze wahre, habe ich für mich gesorgt, kann Kraft tanken, um dann wieder für mein Kind da zu sein. Ich kann aber auch klar mit mir sein, wenn es für mich nicht mehr auszuhalten ist und sagen: „Ich brauche jetzt eine kurze Pause.“ Es ist möglich, dass mein Kind jetzt weint, was ich als bewusste Mama auch verstehe.

Ich habe immer die Möglichkeit zu reden. “ Schatz, fühlst du dich traurig, dass ich dich jetzt im Spielzimmer auf den Boden gesetzt habe?“ Ich sage nicht so gern „bist du“ sonder lieber „fühlst du“, weil ich glaube, dass es wertvoll ist, früh Gefühle zu benennen und kennenzulernen. Fühlst du dich traurig? Fühlst du dich wütend und grummelig im Bauch? Fühlst du dich glücklich? Es hört sich im ersten Moment sicher etwas gewöhungsbedürftig an, aber ich mag diese Art sehr. Diese Gefühlsspiegelung kann ich ruhig wiederholen und immer wieder sagen.

Ich kann auch sagen „Ich möchte jetzt einen Moment meine Arme und Beine strecken und mich mal so richtig lang machen“. Ihr könntet euch auch zusammen etwas bewegen oder tanzen oder Quatsch machen. Ich merke, dass Kinder sich danach immer recht schnell wieder beruhigen, wenn ich als Erwachsener Gefühle vom Kind benenne und diese auch wiederhole. Ich sehe, du fühlst dich gerade traurig, ich sehe das mein Schatz. Ich wahre damit meine persönliche Grenze und bin doch auch mit mir klar und mit meinem Kind in Beziehung, da ich das ganze kommunikativ begleite. Ich würde sie nie in dieser Situation isolieren.

Auch hier gilt wieder: Ich setze das Kind nicht ab und brülle, wie es vielleicht früher gehandhabt wurde :  „Nein, jetzt ist Schluss“ oder „Du hörst jetzt auf, ich kann nicht mehr“. Das ist sicher im ersten Moment der einfacherer Weg, aber perspektivisch ist eine Begleitung mit einen beziehungsorientierten Weg besser für den restlichen Tag und natürlich das Leben. Der Frust aus Meckerein und Motzen kommt am Abend wie ein Bummerang zurück. So versuchen wir gleich den Konflikt zu begleiten und haben danach einfach Ruhe, auch nicht schlecht oder? Wenn wir beziehungsorientiert leben, lernen unsere Kinder viel über Wertschätzung, Bedürfnisse und Grenzen. Es ist es wert. Davon bin ich überzeugt.

Eure Leen

Wenn euch meine Sichtweise gefallen hat, euch vielleicht sogar ein Fenster geöffnet oder ein Umdenken angeregt wurde, freue ich mich immer über einen Kommentar, ein *gefällt mir* oder ein *Teilen* des Textes. 

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9 Comments

  • Reply Kathrin 2. Dezember 2016 at 09:16

    Den Text mag ich sehr! Ich denke, dein Mindset mit gezielten Handlungsbeispielen zu verdeutlichen ist für so manche eine wertvolle Hilfe. Danke dafür!

    Ich hatte kürzlich ähnliche Gedanken, dazu zwei Dinge:
    Du weißt, ich bin deiner Meinung. Niemals kann (gewaltvolle) Erziehung dafür sorgen, Bedürfnisse zu befriedigen, zu unterdrücken oder auf die lange Bank zu schieben. Es kann also nicht die Alternative einer völlig erschöpften Mutter sein, aus ihrer Haltung, mit ihrem Kind Bedürfnisorientiert und gleichwürdig zu leben, herauszugehen und nun doch zu erziehen, weil ihre persönliche Grenze erreicht oder sogar überschritten ist. Doch wie erklärt sich die hohe Zahl an AP-Müttern, die uns burnout schlittern? Woher kommt das Gefühl, AP funktioniere eben nur, wenn man ständig eigene Grenzen missachtet? Denn, Fakt ist: es passiert ja nun tatsächlich ständig! Mütter sind mit allem allein und gehen ständig über ihre Grenzen hinaus, um die Bedürfnisse ihrer Kinder möglichst engmaschig und pointiert befriedigen zu können. Statt allerdings das System und die Gesellschaft, die diesen ehrenwerten Gedanken mit Füßen treten, Frauen mit allem allein lassen und sie dann auch noch in ihrem Bauchgefühl verunsichern, anzuklagen, wird der „Erziehungsstil“ kritisiert. Was für eine perfide Denkweise! Niemals also ist das Umfeld schuld daran, dass Menschen ausbrennen, während sie ihre Kinder gleichwürdig, liebevoll und Bedürfnisorientiert behandeln? Niemals ist der „Clan“, der faktisch nicht mehr da ist, schuld an Müdigkeit, Erschöpfung und Depressionen überforderter Mütter – sondern die Tatsache, dass Sie Attachment Parenting leben. Das macht mich krank.
    Ich gebe dir in allem Recht, auch wir leben hier so. Keiner tanzt auf den Tischen oder auf meiner Nase herum und all das funktioniert ganz toll ohne Erziehung. Und doch: einen Clan gibt es nicht und der einzige Grund, weshalb ich zu den wenigen (!) Müttern gehöre, die noch nicht überlastet, erschöpft und auf gut deutsch am Arsch sind, ist der, dass ich bisher ein halbwegs gut funktionierendes Netzwerk hatte. Das ist jetzt zusammengebrochen und der Druck ist spürbar.
    So. Lange Rede kurzer Sinn: du hast recht und die anderen auch. Denn es passiert TATSÄCHLICH viel zu oft, dass Eltern ihre eigenen Grenzen NICHT wahren, ihre Bedürfnisse NICHT achten und Therapieplätze und Kuren brauchen, weil sie am Ende sind. Und das ist der Moment, in dem alle erziehenden Eltern sich bestätigt fühlen, dass Erziehung sein muss und nur so ein ausgewogenes Familienleben funktionieren kann.
    Was ich mir also wirklich von Herzen wünsche ist, dass deine, meine und so viele andere unerzogen-Texte dazu führen, dass Menschen verstehen, dass eben nicht die Art und weise mit unseren Kindern zu leben das Problem ist, sondern das Umfeld. Und das viele Allein-mit-allem-sein.
    Und ich hoffe, man versteht meine wirren Worte

    • Reply Leen 2. Dezember 2016 at 11:27

      Deine Worte sind nicht wirr, liebe Kathrin! Deine Worte sind wichtig und sehr an meiner Wahrheit! Danke dir dafür!

    • Reply Tanja 3. Dezember 2016 at 21:23

      Genau so ist es! Sobald man irgendwas verrät und erzählt, dass man es anders macht, kommt noch hinzu, dass alle sich und eure Kinder beobachten und sie sich dann natürlich genauso benehmen, wie sie es eben tun und sofort kann ich hören, wie die Leute denken, aha, klappt nicht, Kind hört nicht. Und ganz oft denke ich das auch noch selber und ganz oft klappt einfach gar nix und ich hab nicht die Kraft mit zweien hier noch kreativ zu sein und da noch ein Lied zu singen und hier noch was auszuhandeln, dann wünsche ich mir einfach, dass sie mal machen, was ich sage. Und es sind ja immer die gleichen Situationen. Wenn alle müde und hungrig sind. Ja, aber diese Situation kann ich nicht wirklich ändern. Manchmal weiß ich echt nicht weiter …

      • Reply Leen 3. Dezember 2016 at 22:26

        Hallo Tanja!
        Ich kenne deine Gefühle. Ich habe angefangen umzudenken und bei mir zu bleiben!
        1. Du weiß nicht, was der andere denkt. Du glaubst zu wissen, was er denken könnte.
        2. Die Gedanken der anderen Menschen, sind die Gedanken der anderen Menschen. Ich lasse sie gern auch da – beim Gegenüber. Es hat absolut nichts mit dir zu tun, wenn jemand schräg guckt. Das ist die Erziehung die in dir kratzt. Kenne ich auch gut. Ich bin mir aber immer bewusster und analysiere es mir selbst.

        Es ist eben so, dass nicht immer alles eine rosarote Blumenwelt ist. Ich habe auch solche Tage! Wir sollten dann alle abends eine schöne Tasse Tee trinken, Kraft sammeln und am nächsten Tag ist wieder ein neuer Tag, an dem wir versuchen können, in Beziehung zu gehen. Vielleicht singst du auch nur eine Strophe von einem Lied. Wenn ich manchmal abends zu müde oder kaputt bin, singe ich auch mal nur eine paar Zeilen von unserem Gute-Nacht-Lied.
        Wir sind doch alle im Prozess des Lebens und haben alle Zeit zu lernen und mit unseren Kindern gemeinsam zu wachsen! Du machst das gut, Tanja! Du darfst auch kaputt sein und nicht weiter wissen. Es kommt der nächste Tag.
        Ganz liebe Grüße Leen

  • Reply Bea 2. Dezember 2016 at 10:54

    Ach schön. Diese Kind-vors-Auto-laufen-lassen Diskussionen kenne ich sehr gut. Bin ich also nicht die Einzige…

    • Reply Leen 2. Dezember 2016 at 11:27

      Hallo Bea,
      ja, das ist immer das Argument. Ich wünsche dir einen schönen Tag!

  • Reply Lara 3. Dezember 2016 at 07:50

    Es ist nicht nur wichtig, die Gefühle vom Kind zu benennen, sondern viel mehr die eigenen Gefühle dem Kind darzulegen. Leider ist es ins oft abhanden gekommen, dass wir offen über
    Gefühle sprechen und uns austauschen. Doch gerade in Familien, wo offen über die Gefühle aller (denn alle Gefühle zählen) gesprochen wird, entwickeln die Kinder eine gute Kompetenz eigene Gefühle und die anderer deuten zu können.

    Dann sind sie später auch gut gewappnet die eigenen Grenzen zu kennen im erkennen. Ich kenne meine zum Glück ganz gut und in Situationen, wie von dir beschrieben versuche ich eine Lösung für uns beide zu finden. Gemeinsam auf dem Sofa liegen (das entspannt mich) und ein Buch angucken Kind hat Nähe und Spaß dabei.

    • Reply Leen 3. Dezember 2016 at 14:54

      Hallo Lara,
      ja genau das ist es auch! Die Gefühle aller sind wichtig! Das ist in meiner Reihe „Beziehung statt Erziehung“ auch immer Thema und auch zukünftig wird es Thema sein. Schön, dass du schon so bei dir selbst angekommen bist.
      Liebe Grüße Leen

  • Reply Beziehung statt Erziehung - Haben die Kinder jetzt das Sagen!? - Aufbruch zum Umdenken 9. Dezember 2016 at 09:16

    […] ich im letzten Beitrag zum Thema Grenzen verbloggt habe, geht es bei dem beziehungsorientierten Weg nicht um ein permanentes […]

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