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Darüber nachgedacht -Was sind das für Sätze!?

29. Oktober 2016

Ich habe am Freitag bei Facebook dieses Bild gesehen und musste den ganzen Tag darüber nachdenken. Es hat mich so beschäftig, dass ich es sogar auf meiner Facebook-Seite geteilt habe. Hier das Bild:

Ich möchte euch heute ein paar Gedanken dazu schreiben. Warum hat mich das Ganze so berührt!? Seit ich Mama bin, bin ich noch viel feinfühliger geworden und feinfühlig war ich schon immer. Ich habe bestimmt auch den ein oder anderen Satz davon selbst irgendwann einmal gesagt, weil sie einfach so in unserem Sprachgebrauch verankert sind. Wertvoll finde ich diese Äußerungen jedoch nicht, besonders nicht, seit ich mich auf den Weg zum Umdenken gemacht habe. Viele dieser Sätze sind schlichtweg eine Drohung oder harte Erziehung in ihrer Reinform, emotionale Erpressung, ein Abtuen von Gefühlen, Vergleiche und Vorwürfe. Legt es aus, wie ihr wollt, aber hilfreich und unterstützend für die kindliche Entwicklung sind diese Sätze nicht! Ich möchte jetzt über einige der einzelne Aussagen schreiben.

„Warum muss man immer alles allein machen“

Mein Lieblingswort -man- ist auch vertreten. Kann ich mein Kind nicht ansprechen? Muss ich in solch einer Wolke sprechen, so Art Selbstgespräch? „Schatz, kannst du mich bitte unterstützen, ich brauche deine Hilfe“ hört sich doch anders an als „Immer muss ich alles allein machen“. Wer ist bei diesem Satz eigentlich das bockige Kind?

„Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst“

Was soll dem Kind dieser Satz sagen!? Du hast zu gehorchen, so lange du in meinem Haus wohnst. Hier herrschen die Regeln von Erwachsenen. Du hast zu tun, was ich dir sage! Eine Erziehungsform oder sollte ich sagen Diktatur, die meiner Meinung nach mit Hitler zusammen im Grab verschwunden sein sollte.

„Ich zähle jetzt bis DREI“

Ja was passiert dann? Was kommt nach der Drei? Es wird so viel Druck und Angst aufgebaut durch diese Drohung. Die meisten Eltern berichten, dass die Drei nie bis zum Ende aufgezählt wurde. Gehorsam aus Angst ist keine Lösung!

„Was sagt man da? (Danke)“

Ich hasse diesen Satz! Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder nicht dazu angehalten werden müssen, „Danke und Bitte und Hallo und Tschüss“ zu sagen. Wenn ich als Vorbild „Bitte“ und „Danke“ sage, werden es meine Kinder mir gleich tun, denn sie lernen am Modell, sie lernen ihre Verhaltensweisen von uns. Außerdem ist ein Bloßstellen vor dem anderen Menschen und der Zwang dahinter auch nicht gerade feierlich.

„Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich allein“

Emotionale Erpressung auf höchstem Niveau. Mit diesem Satz signalisiere ich, dass ich mein Kind zurücklassen werde, allein lassen werden. Wer möchte bitte allein zurückgelassen werden!? Ich jedenfalls nicht.

„Als ich so alt war wie du…“

…hatte ich es viel schlimmer als du“ oder „…haben wir welche mit dem Teppichklopfer bekommen“

Was sagt uns dieser Satz? Er ist schlicht und einfach eine Rechtfertigung der gerade ausgeübten Erziehung mit seiner eigenen erlebten Erziehung, die „viel viel schlimmer“ war als heute. Ich hoffe irgendwann verstehen es alle Erwachsenen einmal, das WIR dafür verantwortlich sind, unsere Kinder in Liebe zu begleiten und nicht die gleichen schlimmen Fehler (Schläge, Demütigungen etc.) zu begehen, wie es einige selbst erfahren mussten.

„Du bist aber nicht die anderen.“

Ein Jugendlicher äußert vielleicht einen Wunsch, möchte etwas mit einem Freund unternehmen (dieser Freund darf z.B. zur Disco). Ein Kind möchte ein Instrument lernen, wie seine Freundin auch. Was antworten Eltern? Diesen Satz – Du bist aber nicht die anderen! Es gibt wirklich andere Wege in einen Dialog zu gehen, als alles mit diesem Satz niederzuschmettern.

„Indianer kennen keinen Schmerz“

Ja wenn wir unseren Jungs solchen Mist erzählen, dann brauchen wir uns nicht wundern, warum es ihnen peinlich ist, bei der Geburt des Kindes, der Hochzeit, einer Trauerfeier oder einfach nur mal so zu weinen. Hört auf damit! Emotionen sind das Normalste der Welt. Schmerz, Freude, Trauer, Wut muss gefühlt werden, sonst werden diese Gefühle zu Steinen in unseren Seelen. Ein Mann der Gefühle zeigt, wird später heiß begehrt sein, glaub mir das!

Ich hab mir die Sätze rausgesucht, die mich gerade besonders beschäftigt haben. Die restlichen mag ich übrigens auch nicht sonderlich. Ich hoffe sehr, dass diese Aussagen und Floskeln irgendwann das Zeitliche segnen und ad acta gelegt werden.

Eure Leen

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5 Comments

  • Reply Lisa Marja 29. Oktober 2016 at 14:33

    Ich habe als Kind viele Sätze von dem Bild auch gehört…
    Im Nachhinein finde ich am schlimmsten, dass Eltern und Oma den Satz „Du bist aber nicht die anderen“ gerne gebrauchten, wenn ich mir etwas wünschte, was auch eine Freundin hatte oder durfte. Wenn ich aber mal eine schlechte Note in der Schule hatte, dann wurde gefragt, was die anderen für Noten hätten und wieso ich denn nicht so gut war wie Klassenkameradin XYZ…
    Man kann es sich ja immer drehen wie es passt, stimmts?
    Da kann ich heute nur den Kopf schütteln…

  • Reply Leen 29. Oktober 2016 at 14:41

    Da gehe ich mit! Sehr schöner Kommentar! Danke dafür!

  • Reply Christoph 1. November 2016 at 15:14

    Liebe Leen,

    schön, wie Du diese Klassiker aus dem Abfalleimer der Kindererziehungsmethoden reflektierst!

    Bei einigen davon erwische ich mich selbst auch ab und an. »Ich zähl‹ jetzt bis drei…!« Rutscht mir dabei glaub ich am häufigsten raus – immer in Situationen, in denen ich selber nur noch »funktioniere« wegen akutem Stress (Losfahren um nen Zug/Bus zu erwischen zum Beispiel) und meine Toleranz gegenüber »dem eigenen Tempo« des Kindes gegen Null geht. Nicht schön :/

    Und »wenn Du nicht [blabla], dann gehen wir heim!« habe ich auch schon mal durchgezogen. Allerdings ohne das »sofort«. Sondern nach mehrmaligem Ansprechen des unerwünschten Verhaltens, also Ausschöpfen von anderen Möglichkeiten. Im Nachgang betrachtet, lag da auch eine allgemeine Überforderungssituation von Eltern und Kind vor, wir waren (wie ich glaube, zum ersten Mal mit selbstlaufendem Kind) auf einem großen (Weihnachts-)Markt – also alles voll mit Menschen, laut, bunt, viele Sinneseindrücke und fehlende Erfahrung auf beiden Seiten.
    Meine Idee dazu beim Reflektieren war hier, dass Kinder vielleicht manchmal auch durch ihr (scheinbar störendes) Verhalten signalisieren: »Ich möchte jetzt gerne heim. Hier ist es mir zu viel«.

    Ich kann schon verstehen, dass Kind frustriert wird, wenn es nichts anfassen darf, ständig ermahnt wird, doch nicht zu weit weg zu laufen usw – das schaukelte sich so hoch. Und dann sind wir halt irgendwann nach Hause gefahren. Und alle waren glücklich damit

    Ich denke, diesen Sätzen liegen also zwei Probleme zu Grunde: erstens sind viele Leute damit schon groß geworden, sie sind zum Teil in Fleisch und Blut übergegangen. Und zweitens verlässt man sich besonders dann auf die eingeübten (An-)Sätze, wenn man selbst unter Druck/Stress steht.

    Deswegen finde ich es total toll, dass Du die Botschaft hinter Deiner Auswahl der überholten Erziehungssätze rausholst – das will so explizit nämlich sicher niemand zu seinem Kind sagen oder über es denken.

    Viele liebe Grüße!

    • Reply Leen 1. November 2016 at 20:02

      Hallo Christoph,
      danke dir für diese schöne Rückmeldung. Ich habe ja noch ein kleineres Kind. Mal schauen, wann mir die ersten Sätze rausrutschen!? Wichtig ist mit tatsächlich, dass wir reflektiert bleiben.

      Liebste Grüße Leen

  • Reply Eure Herzpost des Monats Oktober (#Herzpost) - Verflixter Alltag - Kuriositätenkabinett einer Mama-Bloggerin 4. November 2016 at 23:11

    […] Aufbruch zum Umdenken: Darüber nachgedacht: was sind das für Sätze? […]

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