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Der erste öffentliche Trotzer vom Seidenraupenkätzchen

24. Februar 2017

Puh! Wir hatten einen der begehrten Hautarzttermine bei dem begehrtesten Hautarzt in der Region zum Leberflecken- Screening. Zwischen 10 und 11 Uhr sollten wir da sein. Eine ziemlich schlechte Zeit, wenn ich bedenke, dass das Kind sonst oft um 11 Uhr schon Mittag isst und danach schläft. 

Die erste halbe Stunde der Wartezeit verbrachten wir in dem kleinen Ort im Buchladen auf der Promenade, der direkt neben der Praxis lag. Viel los war in diesem Ort nicht und es regnete dazu noch in Strömen. Wir entschlossen uns also, die restliche Zeit im Wartezimmer der Luxuspraxis zu verbringen. Der Arzt stellt, glaube ich, so langsam seine Praxis auf den Beauty-Bereich um. 

Jedenfalls war es die erste Zeit ganz nett. Mein Seidenraupenkätzchen nahm zu allen Erwachsenen, ja es waren nur Erwachsene in der Praxis, Kontakt auf. Sie verteilte Zeitungen, lächelte die Menschen an und alle freuten sich sehr über ihr sonniges Gemüt. Leider gab es keine Mini-Spielecke und ihre Bücher wollte sie heute nicht ansehen, was sonst immer gut klappte. Heute wollte sie die Menschen im Raum und diesen an sich kennenlernen.

Doch dann kam der Umschwung – Drama hoch 10

In der Mitte des Raumes stand ein kniehoher Tisch mit kleinem Vortisch, auf dem die Zeitungen lagen. In der Mitte des höheren Tisches befand sich eine monströse Vase mit irgendwelchen Luxusblumen darin. An der Wand lief eine Computer-Wasserblasen-Inszenierung. Insgesamt ein sehr stylisches Interiör. 

Alle Menschen im Raum lächelten dieses süße Kind an. Sie entdeckte auf einmal die Vase und wollte den Tisch hochklettern, um an diese zu gelangen, die dazu noch voll mit Wasser war. Ich versuchte sie liebevoll davon abzuhalten. Bis ich sie dann wegtragen musste, weil sie da absolut und uneingeschränkt hoch wollte und ich das aber nicht zuließ. 

Das Seidenraupenkätzchen fing furchtbar an zu gnatz-bock-schreien. Die Blicke der Menschen verfinsterten sich. Eine Frau riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Nun fand sie keiner mehr süß und niedlich. 

Ich versuchte ganz ruhig zu bleiben und mit meiner Tochter zu reden, um sie zu beruhigen. Michi musste dann aber mit ihr auf den Flur gehen, weil nichts half. Nach 2 Minuten hatte sie sich beruhigt und alles war wieder gut. Wir haben sie gesehen und ihre Gefühle akzeptiert und begleitet. Die Phase ist wichtig und gehört dazu. Trotz meines Wissens habe ich mich unwohl gefühlt. 

Meine Gedanken zu diesem Spaktakel

Ich fand es erstaunlich, wie die Reaktionen der Menschen waren. Wir waren ein ziemlicher Störfaktor. Sie schrieh nur ein paar Mini-Minuten, aber durch die Blicke und die Reaktionen fühlte es sich für mich wie Stunden an. 

Die Schwestern schoben uns dann vor. Ich fand es super, aber ich glaube sie taten es nicht unbedingt aus Kinderfreundlichkeit, sondern weil wir in diesem Moment nicht ins Bild passten und sie die anderen Patienten nicht weiter stören wollten. 

Halten Menschen Kinder im öffentlichen Raum noch aus?

Werden sie in unserer Gesellschaft akzeptiert, auch wenn es mal nicht bilderbuchmäßig abläuft?

Ist es eine Zumutung, diese paar wilden Minuten mit Kleinkind auszuhalten, wenn die 20 Minuten davor absolut in Ordnung waren? 

Ich weiß es nicht, was los war. Ich fühlte mich jedenfalls allein und wie ein Fremdkörper in dieser Runde.

Ich hatte an diesem Tag meine erste Erfahrung mit einem öffentlichen Trotzen. Ich kann mich nun auch so richtig in die Mütter mit Gnatzi-Kleinkind im Supermarkt einfühlen. 
Ich werde mich selbst hier und heute dazu ermahnen nett zu sein, einen netten Blick zu geben, wenn ich in solch eine Situation geraten werde. 

Ein nettes Wort zu schenken, wie: Es geht vorbei oder einfach nur ein Blick: Ich verstehe dich! 

Auf jeden Fall werde ich eine Mutter in dieser Situation nicht verachtend ansehen und ihr die Situation noch unerträglicher machen. 

Das habe ich mir heute geschworen.

Eure Leen 

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4 Comments

  • Reply Selina 25. Februar 2017 at 10:44

    Huhu
    Erst jetzt wird mir klar, dass du Mutter eines Kindes bist, was ja noch nichtmal 2 jahre alt ist…Ich verfolge dich hauptsächlich auf Instagram 2 Minuten sind sehr süß glaube mir, es werden noch gefühlte Stunden folgen. Noch viel böser Blicke, mitleidige und abwertend Blicke, gemeine Worte oder gut gemeinte, aber dennoch nicht hilfreiche Worte von meist älteren Mitbürgern.
    Ich kann mich noch sehr gut an „unseren“ ersten öffentlichen Ausraster der kleinen (jetzt großen) Erinnern…Im Baumarkt mit allem drum und dran, inklusive Minutenlang „auf dem Boden wälzen und so laut wie möglich schreien“ es war einfach kein durchdringen mehr möglich. Ich habe ihr einfach zur Seite gestanden und versucht so selbstsicher wie möglich den blicken der Menschen zu trotzen. Im innersten wäre ich am liebsten im Erdboden verschwunden. Mittlerweile habe ich das 2 kinder in dieser „phase“, der gute ist gerade mal 26 Monate alt und übertrifft die große Schwester oft und dann habe ich noch das Baby….Aber ich habe gelernt einfach nur für uns da zu sein. Die Blicke der anderen sehe ich schon lange nicht mehr. Wird jemand zu aufdringlich lächle ich ihn einfach an und bin dann wieder voll für meine kinder da. Ja, wir gehen sehr oft zu 4 Einkaufen und ja, Spaß macht es meistens nicht. Aber mit der Zeit habe ich gelernt solche „Trotzer“ ganz gut zu vermeiden.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Geduld und Empathie ❤

    • Reply Leen 26. Februar 2017 at 20:29

      Danke für deine liebe Rückmeldung. Ich bin echt gespannt, wie ich mich in der Rolle der Mutter so bewege. Es ist echt etwas anderes als Pädagogin zu sein. Das merke ich immer wieder. Ich freue mich auch auf die Zeit, denn ich weiß ja, wofür diese Schritte gut sind und ich wachse daran mit. Liebe Grüße

  • Reply Lara 27. Februar 2017 at 12:16

    Ja, Kinder sollen halt lieb und niedlich sein. Und sind sie es nicht, dann sind sie nicht mehr erwünscht (also in öffentlichen Räumen etc).
    Ich hatte letztens eine ähnliche Situation im Zug und komischerweise finde ich die Leute um mich herum und deren Blicke am Schlimmsten. :/ Ich will jetzt versuchen, dass ich diese in Zukunft einfach ausblende, mal sehen wie und ob das klappt…

    • Reply Leen 28. Februar 2017 at 21:04

      Ich mache mit! Versuchen wir es zusammen!

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