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Erzieher_In als Begrifflichkeit – Was eine Berufsbezeichnung für eine Botschaft übermitteln kann!?

7. Dezember 2016

Auf Twitter las ich einen Tweet von meiner Bloggerkollegin Mama Natur über ihren Kindergarten und wie dort mit einem Kind umgegangen würde. Die Erzieherin ließ den Jungen Kniebeuge neben dem Tisch machen, während die anderen Kinder aßen. Dann durfte er sich wieder hinsetzen. 

Das zu lesen, hat mich mal wieder so aufgeregt! 

Erziehen, Erziehung, Erzieherin – das sind Worte, die das Ziehen in sich tragen, an etwas herumziehen, etwas in eine Richtung ziehen.

Meine Berufsbezeichnung der Erzieherin – Passt das noch für mich?

Ich habe mir nach dem Tweet nochmal Gedanken gemacht und mich dazu entschlossen, meine Berufsbezeichnung von meinem Lehrberuf wieder in die Kindergärtnerin zu ändern.

Warum?

Weil ich den Gedanken von Fröbel, frei übertragen, dass Kindergärtner_Innen Kinder wie kleine Pflanzen pflegen, hegen und beobachten, richtig schön finde. An einem Menschen herumzuziehen finde ich unnatürlich und ich habe mich eh nie so richtig mit den erzieherischen Methoden anfreunden können, weder in der Ausbildung noch in der Berufspraxis.

Mal so am Rande! Zu mir sagte mal eine Erzieherin, „dass ich, wenn sie jetzt die Prüfung abgenommen hätte, durchgefallen wäre.“

Warum?

Weil ich das Kind fragte, ob es in den Kreis kommen möchte. Nach ihrer Meinung „hätte ich das Kind auffordern müssen, in den Kreis zu gehen“, so nach dem Motto „Komm jetzt!“ Dazu dann noch diesen schönen Nachsatz oben drauf :“ Leen, Theorie und Praxis sind eben zwei paar Schuhe.“

Wahnsinn oder?

Vorurteile gegenüber frischen Ansichten, gut ausgebildeten jungen Menschen, beherrscht von Engstirnigkeit und Zwang. Es ist für mich nicht so einfach mit den Erzieherinnen zu arbeiten, die Erziehung mit Zwang und Kontrolle verbinden, wenn ich selbst eher die Beziehung statt der Erziehung lebe. Bei Lisa auf dem Blog *geborgen & geliebt* steht groß in der Überschrift ein Zitat von Friedrich Fröbel: „Erziehung besteht aus zwei Dingen: Beispiel und Liebe.“ Dies entspricht doch wohl eher einer „erzieherischen“ Haltung, oder wie seht ihr das?

Ich hoffe sehr, dass die neue Generation der Erzieher_Innen viele Blogs lesen, die Themen der  Beziehung statt Erziehung und Unerzogen den jungen Pädagogen näher bringen und die Sinne schärfen und öffnen.

Schule, Ausbildung und Begrifflichkeiten!?

Die Kindergärtnerin wurde irgendwann abgelöst, weil sich das Berufsfeld erweitert hatte. Erzieher_Innen können auch mit jugendlichen oder erwachsenen Menschen arbeiten und somit entstand die neue Berufsbezeichnung.

Ich bin jetzt mal ganz ehrlich. Den Teil, den ich in meiner Ausbildung zur Jugend und zum Erwachsenenalter hatte, ist schwindend gering, fast schon lächerlich gering. Ich habe es mir sogar damals von den Lehrer_Innen eingefordert, weil ich im Kinderheim arbeiten wollte und da auch noch extra Wissen benötigte. Eine Lehrerin ließ mich dann in der Klasse extra Arbeiten schreiben, die ich zum Themenfeld der Jugend beantworten durfte. Ich habe mich immer gefragt, was das für ein verrücktes System ist, für eine wirre Ausbildung!? Ich hoffe, es war nur bei mir so und nicht auch in anderen Schulen und Bundesländern.

Besser wurde es im Studium. Ich konnte Kinder-und Jugendsozialarbeit als Kurs, aber auch frühkindlich orientierte Kurse wählen. Wir konnten uns spezialisieren und wählen, was zu uns passte. Das war eine riesiger Gewinn für mich.

Ich finde mittlerweile, nach den ganzen Jahren, dass der Begriff der Erzieherin einfach nur noch veraltet und unpassend erscheint.

Welchen Begriff sollten wir nutzen!?

Valerie vom Blog Raus mit dir Baby twitterte dann auch noch eine Runde mit mir. Sie arbeitet als Erzieherin und mag den Begriff auch so wenig wie ich. Bei ihnen auf der Arbeit wird von pädagogischen Fachkräften gesprochen. Ich finde den Ansatz besser, aber mal ehrlich!? 

Sind wir nicht alle pädagogische Fachkräfte? 

Die Erzieher_Innen, die Lehrer_Innen, die Sozialarbeiter_Innen, die Kinderpfleger_Innen? 

Das ist für mich irgendwie ein Überbegriff, diese pädagogische Fachkraft. Langfristig finden Valerie und ich, dass die Bezeichnung der Erzieher_In abgeschafft werden sollte und ein passenderer, liebevollerer und beziehungsfähigerer Begriff entstehen darf.

Wie soll ich mich mit dem Begriff der Augenhöhe, der Gleichwürdigkeit und der Beziehung identifizieren, wenn ich doch Erzieher_In heiße? „Bezieherin“ hört sich für mich auch sehr schräg an. Pädagoge darf nur gesagt werden, wenn studiert wurde, also wenn direkt Pädagogik studiert wurde. So sagte es mir mal eine Lehrkraft an der Fachhochschule.

Also haben ich für mich entschlossen, wieder eine Kindergärtnerin und Sozialarbeiterin zu sein.


Eure Leen

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14 Comments

  • Reply Carola 7. Dezember 2016 at 11:52

    Liebe leen…ein sehr interessanter Artikel. Ich selbst arbeitet seit 4 Jahren als Quereinsteigerin in der kita und mache Fortbildungen um als pädagogische Fachkraft anerkannt zu werden. Ich persönlich mag diesen Begriff viel lieber als den der Erzieherinn. Ich bin jedesmal begeistert von den Seminaren, die zeigen dass ein bindungs und bedürfnissorientierter weg auch wissenschaftlich der richtige ist. Leider ist die klassische erzieherausbildung noch weit davon entfernt was ich täglich in der kita an meinen Kolleginnen erleben darf…:( Ich bin aber guter Hoffnung, dass sich zumindest in Berlin die Qualität der Betreuung langfristig verändern wird…da ich in den Fortbildungen immer wieder tolle, engagierte Menschen treffe.
    LG Carola
    @rolinca27

    • Reply Leen 7. Dezember 2016 at 12:16

      Hallo Carola,
      danke für deine Rückmeldung und alles Gute auf deinem Weg .
      Liebe Grüße Leen

  • Reply Phinphin 7. Dezember 2016 at 14:15

    Ich habe mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken darum gemacht, welche Außenwirkung der Begriff an sich hat. Persönlich finde ich Kindergärtner auch viel schöner als Erzieher und sage heute auch immer nich Kindergärtnerin anstatt Erzieherin zu den pädagogischen Fachkräften im Kindergarten.

    Allerdings bin ich vorsichtig mit dem Begriff „auf Augenhöhe“. Das klingt schnell so, als müsste das Kind den Anweisungen der Kindergärtnerin, Lehrerin, etc. nicht Folge leisten, weil beide auf einer Ebene stünden.

    • Reply Leen 7. Dezember 2016 at 14:55

      Hi,
      für mich ist das tatsächlich so, mit der Augenhöhe. Mein Kind, 15 Monate, sagt auch zu Dingen nein! Das akzeptiere ich. Dann strukturiere ich um. Kinder in der Kita mussten bei mir nie aufessen, aufs Töpfchen oder Dinge tuen, die sie nicht wollten. Ich akzeptierte ihr nein! Das ist für mich ein Punkt der Augenhöhe!
      Liebe Grüße Leen

      • Reply Phinphin 8. Dezember 2016 at 09:42

        Das ist ja auch in Ordnung. Das meinte ich aber nicht. Ich meinte da eher brenzlige Sitationen – also wenn Gefahr für das Kind droht, mein Kind andere gefährdet oder sich stark danebenbenimmt. Meine Tochter ist mittlerweile 19 Monate und die hat meist auch viele Freiheiten. Wenn sie satt ist, ist sie halt satt. Und aufs Töpfchen werde ich sie auch nicht zwingen. Aber sie bekommt auch Grenzen aufgezeigt. Wenn sie das Bücherregal ausräumt und anfängt Seiten aus teuren Büchern rauszureißen, dann warte ich nicht auf ihr Einverständnis, dass ich das Buch wieder ins Regal stellen darf.

        Und wenn sie mit einer Gabel in einer Steckdose rumstochert oder mit Spielsachen auf andere Kinder einschlägt, dann setze ich mich nicht in aller Ruhe neben sie und eruiere mit ihr, wieso ich das jetzt nicht so toll finde. Genau das erwarte ich auch von ihren Kindergärtnern.

        • Reply Leen 8. Dezember 2016 at 12:36

          Ich habe auf dem Blog die Reihe Beziehung statt Erziehung und eine Beitrag zum Thema Grenzen ist dabei. Morgen kommt ein Beitrag mit der Frage, ob die Kinder jetzt das Sagen haben!? Das könnte gut zu deinen Aussagen passen. Liebe Grüße Leen

  • Reply Nina 7. Dezember 2016 at 16:02

    Entwicklungsbegleitung finde ich sehr schön! Ich war auch lange als „Erzieherin “ tätig, habe dann aber nochmal studiert und bin seit einigen Jahren als Psychologin im Erwachsenenbereich tätig. Mir gefiel die Berufsbezutatsächlich auch noch nie, wegen des Gezerres! Dein Text ist echt top und spricht mir aus der Seele. Ich finde gerade die Machtausübung im Rahmen des Berufes noch viel zu zentral. Kindern wird selten auf Augenhöhe begegnet. Meistens hört man, dass sie nicht wissen, was gut für sie ist und deshalb für die entschieden werden muss. Ich finde das total übergriffig.

    • Reply Leen 7. Dezember 2016 at 16:47

      Hey Nina,
      danke für deine Rückmeldung. Ich freue mich sehr! Ja, da sind wir uns dann wohl einig . Ich wünsche dir einen schönen Tag und ganz liebe Grüße!

  • Reply Eva 7. Dezember 2016 at 20:39

    Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen, mir persönlich gefällt die Bezeichnung Kindergärtnerin auch sehr viel besser, vll auch, weil ich Pflanzen sehr mag. Ich sehe das Problem aber darin, dass in den Augen vieler das Wort „Kindergärtnerin“ eher negativ besetzt ist, in dem Sinne, dass man dafür ja keine Ausbildung bräuchte bzw. nichts besonderes können muss. Es hat oft eine Geringschätzung unserer Arbeit zufolge. Gesellschaftlich betrachtet impliziert das Wort Erzieherin halt, dass hier jemand Fachkundiges, eben eine pädagogische Fachkraft tätig ist. Und ich denke, wir können alles brauchen, was dazu beiträgt, dass unsere Arbeit angemessen bezahlt und vor allem anerkannt wird.

    Und im gärtnerischen Bereich andererseits redet man auch von erziehen, z. B. bei Spalierobst oder Hochstämmchen. Da gibt man die Richtung vor, wie etwas wachsen soll. Ist ja schon auch Teil unserer Aufgabe- Kinder beizubringen, wie sie miteinander umgehen sollen.

    Ich arbeite übrigens in der Krippe und bin Diplom-Sozialpädagogin. Bei uns im Haus reden wir allgemein von päd. Fachkräften, den Kindern gegenüber von Erziehern (das ist für die dann auch einfacher^^)

    • Reply Leen 7. Dezember 2016 at 20:54

      Hallo Eva! Danke für deine Rückmeldung. Es ist wirklich ein umtreibendes Thema. Heute haben sich viele Menschen gemeldet und rückgemeldet, was sie denken. Das macht mich sehr froh. Ich wünsche dir einen schönen Abend.
      Liebe Grüße Leen

  • Reply Kolja Schröder 8. Dezember 2016 at 09:45

    Hallo Leen!
    Ich bin Erzieher, mag aber persönlich auch lieber den Begriff Entwicklungsbegleiter. Die Bezeichnung Kindergärtnerin hatte leider irgendwann den Beigeschmack von Basteltante bekommen, was wohl leider auch manchmal stimmte. Zudem gibt es beim Gärtnern auch den Begriff zurechtstutzen… ich muß dann immer an Bonsaibäume denken…
    und „Oberlehrerhaftes Verhalten“.
    Ich finde, es ganz wundervoll, daß immer mehr Menschen sich Gedanken darüber machen, was Erziehung bedeutet und eine kritische Haltung dazu einnehmen.
    Alles Gute für den Blog!
    Kolja

    • Reply Leen 8. Dezember 2016 at 12:39

      Hallo Kolja,
      danke für deine Rückmeldung. Ja, eine schöne Bewegung hat sich auf den Weg gemacht. Danke auch für deine guten Wünsche. Liebe Grüße Leen

  • Reply Tony 9. Dezember 2016 at 02:15

    Historisch finde ich den Begriff E. schlicht ehrlich. Viele würde ich eher als WärterInnen oder liebevoller Aufseher bezeichnen. Ich denke dabei an John Gattos Brief [1].

    Die Bezeichnung macht letztlich für mich den Unterschied nicht. Ich hatte auch angefangen von KG. zu sprechen, als ich noch direkt Kontakt hatte. Inzwischen ist die Illusion bei mir ernüchtert.

    Neulich las ich in „Schwarze Pädagogik“ aus 1976(?), die Sozialpädagigik generell habe ihren Ursprung in der Waisenführsorge. Ich hatte das noch nie so betrachtet (bekommen) und brauche noch etwas Zeit, das zu reflektieren. Doch in der beruflichen Rolle ist es Doch so: die Industrialisierung hat Menschen zu Arbeiterwaisen gemacht, die nun tagsüber umsorgt werden. Beispiel, im Sinne Fröbel – oder gar Jean Liedloff -, ist da schon lange keiner mehr… und deren Kinder werden Lehrer oder Kindergärtnerinnen.

    Nicht grad ernüchternd, ich weiß. Leider.
    [1] https://www.google.de/search?q=i+quit+i+think

    • Reply Leen 9. Dezember 2016 at 09:38

      Hallo Tony,
      ich hatte die komplette Geschichte im Studium, im Kurs: Einführung in die Soziale Arbeit/ Geschichte der sozialen Arbeit durch genommen. Für mich ist es nicht ernüchternd, was du schreibst. mir geht es hier auch eher um die Haltung Kindern gegenüber und ein Überdenken der eigenen inneren Haltung. Die Geschichte ist da tatsächlich nur eine Randerscheinung für mich. Frustrieren lasse ich mich nicht, da ich fest daran glaube, dass wir alle einen kleinen Teil zu Verbesserung der Situation beitragen können, ich vielleicht durch den Blog und ein paar Gedanken zur Beziehung statt zur Erziehung. Es ist eine große friedliche Welle spürbar. Ich freue mich auf die nächsten Jahre.
      Liebe Grüße Leen

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