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Finnougristik? Und was bringt dir das?

15. September 2017

Finnougristik, das habe ich studiert. Finnougristik, oder besser Uralistik, das ist die Sprachwissenschaft, die sich mit den uralischen Sprachen beschäftigt. Dazu gehören u.a. Finnisch, Ungarisch, Estnisch, die samischen Sprachen Lapplands und einige kleinere Sprachen in Russland. Verständlicherweise weiß der Durchschnittsdeutsche wie Erika Mustermann vom Bundespersonalausweis nicht, was das ist, und deshalb sind die ständigen Erklärungen unumgänglich, wenn auch lästig.

Was aber wirklich nervt, sind Fragen wie „Was bring dir das?“ oder „Was willst du denn später damit machen?“, die ich während meines Studiums oft gehört habe und heute noch teilweise immer wieder höre. Nun, ich bin Sprachdatenanalyst in einer internationalen Firma, andere Bekannte arbeiten in Museen, der Universität oder auch ganz einfach im Büro oder als Restaurantmanager. Irgendwas findet man immer. Der Sinn eines Studiums sollte aber nicht ein klares Berufsziel sein, sondern Bildung und in gewisser Weise Selbstverwirklichung. 

Ich denke, niemand von meinen Freunden hätte dieses Studium begonnen, wären wir davon ausgegangen, dass wir außer unseren Sprachkenntnissen im Tundra-Nenzischen, der Fähigkeit ungarische Nomina in 24 Fällen zu beugen oder die verschiedenen Lehnwortschichten im Finnischen zu erkennen, nichts Relevantes für das spätere „echte“ Leben lernen würden. Wer dieses Fach studiert, muss schon eine gewisse Grundlogik haben, die später geschult und gestärkt wird, da sich die uralischen Sprachen strukturell sehr von unseren indoeuropäischen Sprachen unterschieden und sie unter sich nicht weniger verschieden sind als die indoeuropäischen Sprachen untereinander. 

Man stelle sich dazu analog einen Studiengang vor, der Englisch, Latein, Persisch und Russisch kombiniert. Was für faule, die einfach nur noch keinen Bock haben, „echter“ Arbeit nachzugehen, ist das also nicht.

Mir geht es aber nicht generell um dieses Fach allein. Mir ist aufgefallen, dass Fremdsprachen oder Philologien in Deutschland nicht sehr gewürdigt werden. Klar sind die Leute beeindruckt, wenn sie hören, dass jemand Finnisch oder Tschechisch kann, aber immer wird die Frage gestellt: „Was machst du dann damit?“ Vom wirtschaftlichen Standpunkt her ist das nicht unberechtigt, sicher. Aber vor allem Arbeitgeber erkennen oft nicht das logische Verständnis, die Recherchefähigkeit, das analytische Können oder das Aufbrechen von Schubladendenken, das damit einhergeht. 

Nun will ich gar nicht sagen, dass jeder die absolute Erfüllung mit solch einem Studiengang erreicht. Ich wünsche mir nur persönlich etwas mehr Weitsichtigkeit, was das betrifft. Den meisten Deutschen ist wahrscheinlich nicht bekannt, dass wir fünf anerkannte nationale Minderheitensprachen in Deutschland haben: das Romani (die Sprache der Roma und Sinti), Friesisch und Niederdeutsch (besser bekannt als Plattdeutsch) in Norddeutschland, Dänisch (ja, wir haben eine alteingesessene dänische Minderheit, die nicht hierher eingewandert ist) in Schleswig-Holstein und das Ober- und Niedersorbische in der Lausitz (beides slawische Sprachen, die eng mit dem Polnischen und Tschechischen verwandt sind). 

Selbst unsere dialektale Vielfalt ist ziemlich einzigartig in Europa, Dialektsprecher werden jedoch oft als ungebildet angesehen. Bei uns saacht man eben so, dass man an‘n Jebortstach mitte Kinner und die ihre Fahrräder in Jarten jefahren is. Das ist nur falsch im Sinne des Hochdeutschen, was eine künstliche Sprachform ist, die als rechtliches, bundesübergreifendes Kommunikationsmittel fungiert (und in dieser Funktion auch seine Berechtigung hat). An sich ist das aber eine völlig legitime Ausdrucksweise, die zu Unrecht verpönt ist. 

Wenn ich mir vorstelle, dass alle dieses ekelhaft sterile Theater- und Nachrichtendeutsch quatschen würden, könnt ich kotzen. Ein schönes Gegenbeispiel ist Norwegen: Norwegisch hat zwei offizielle staatliche Schriftsprachen, nämlich das auf dem Dänischen basierende Bokmål und das auf den westlichen Dialekten basierende Nynorsk, die natürlich untereinander verständlich sind. Eine dieser Varianten wird in den Kommunen in der Regel als Amtssprache verwendet. Wer aber mal norwegisches Fernsehen oder Filme sieht, dem wird auffallen, dass dort jeder mehr oder weniger seinen eigenen Dialekt spricht, und das klappt. Die Leute verstehen einander, weil sie es gewöhnt sind, und niemand empfindet das als ungebildet. Warum das bei uns nicht auch so sein kann, bleibt mir ein Rätsel.

Zurück aber zu den Sprachen außerhalb Deutschlands. In unserem überbürokratischen, wirtschaftsorientierten Land zählt vor allem der ökonomische Nutzen. So wundert es kaum, dass man an praktisch jeder Schule Französisch oder Spanisch lernen kann, Polnisch und Tschechisch – die Staatsprachen zweier Nachbarländer – nur an sehr wenigen Gymnasien hierzulande unterrichtet werden. Die Jobsuche hat sich für mich nach dem Studium hier in der Heimat schwieriger gestaltet, als ich dachte, während ich z.B. in Estland oder Polen locker mehrere Stellen gefunden hätte. Für jeden Bürojob, in den man sowieso noch einige Wochen eingearbeitet wird, muss man ja gleich eine spezielle kaufmännische Ausbildung haben, während anderswo die tatsächlichen Fähigkeiten meinem Eindruck nach mehr gewürdigt werden. Aber dass man es als Quereinsteiger in Deutschland nicht unbedingt leicht hat, ist eigentlich kein Geheimnis und auch nur indirekt mein Thema.

Etwas mehr Offenheit wünschte ich mir auch in Hinblick auf die Länder des ehemaligen Ostblocks. Für viele ist sicher alles östlich der Oder-Neiße-Grenze ein riesiger grauer Fleck, wo die ganzen Armen und Kriminellen herkommen. Ich muss zugeben, dass ich auch nicht viel damit anfangen konnte, als ich jünger war. Mittlerweile muss ich sagen, dass es zumindest für mich persönlich viel spannender und lohnenswerter ist genau in diese Länder zu reisen. Klar war ich auch in den Großstädten Westeuropas unterwegs. Aber keine Reise war so enttäuschend wie London, Paris oder Wien. Alles fast haargenau wie im Fernsehen und in den Büchern. Nichts völlig Neues. Ganz nett eben, hat mich nur nicht umgehauen. Viel cooler sind da zum Beispiel das hippe Budapest, die lettische Hauptstadt Riga, wo die UNESCO-geschützte Jugendstilaltstadt an sowjetische Plattenbauviertel grenzen, das unglaublich warme Kiew mit seinen Seen, Shoppingmeilen und traditioneller Küche, der kilometerlange, goldene Sandstrand in der estnischen Sommerhauptstadt Pärnu oder das grüne, verwinkelte Vilnius mit seinen gefühlt tausenden Kirchen.

Natürlich ist das alles nur Geschmacksache. Tatsache ist, dass man mit sprachwissenschaftlichen Studiengängen wahrscheinlich nie die große Kohle verdienen wird. Englisch und Französisch gehören nun mal weltweit zu den meistgesprochen Sprachen und sind deshalb im globalen Kontext einfach wichtig. Und auch Teneriffa, Brüssel, Athen oder die Toskana sind Ecken Europas, die es sich mit Sicherheit zu besuchen lohnt. Wenn mich aber jemand fragt, was mir mein Studium oder meine kleine Fremdsprachen bringen, dann kann ich sagen: Mir wurde eine fast völlig neue Welt eröffnet, die sich quasi vor meiner Haustür befindet. Ich habe Orte bereist, die nicht die typischen Pauschalurlaubsziele oder Schauplätze großer Filme und Serien sind. Ich kann mich einmal rund um die Ostsee bewegen, ohne dass ich größere Sprachprobleme hätte, selbst wenn ich auf Deutsch oder Englisch verzichte. Und als Musikliebhaber habe ich natürlich hunderte Perlen entdeckt, für die ich sonst wahrscheinlich nie offen gewesen wäre (Tipps an dieser Stelle: PMMP, Kaizers Orchestra, Karolina Czarnecka, Leander Rising). Das verlange ich natürlich nicht von anderen, vor allem nicht, wenn viele nicht einmal für den Reichtum unseres eigenen Landes offen sind (Wald vor Bäumen), jeder nach seiner Façon eben. 

Aber dennoch wäre es für mich eine schöne Vorstellung, wenn es in den Schulen öfter mal die Möglichkeit gäbe, Schwedisch oder Polnisch zu lernen statt immer nur Englisch und Französisch, oder wenn sich der Blickwinkel der Leute etwas nach Osten erweitern würde. Und wer unbedingt billig saufen und abtanzen will: Das geht auch in Osteuropa, und zwar meist billiger als auf Malle.

PS: Ich frage mich, was die besoffenen, zu Landser mitgrölenden, fetten Nazischweine hier im Feierabendzug dazu sagen würden, wenn ich denen das hier zu lesen geben würde. D.h. wenn sie lesen denn können.

Tony

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