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Schichtarbeit und Familienzeit.

25. Januar 2018

Es ist 21:40 Uhr. Ich sitze im Bett zwischen meinen Kindern und schreibe diese Zeilen. Ich bin kaputt, nicht unbedingt vom Tag an sich, aber von den 3 anstrengenden Abendstunden mit Abendessen und Einschlafbegleitung. Es ist Spätschichtwoche und ich muss ab Mittag alles allein bewältigen. Diese Schicht ist nicht meine liebste Schicht und passt nicht zu unserer Familie. Meine Kinder kooperieren ganz toll den ganzen Tag lang, auch den Mittagsschlaf bekomme ich allein sehr gut gemeistert, aber die Abendzeit geht zu zweit hier einfach viel besser. Abends möchte jedes Kind gern eine 1:1-Intensivzeit.

Das Unternehmen meines Mannes kann die Zeiten nicht anpassen, sagen sie. Er muss im System bleiben, darf nicht davon abweichen, sagen sie.

Mir würde es schon helfen, wenn er eher anfängt und nach dem Abendessen da wäre. Einfach dann, wenn die Kinder geborgen in den Schlaf begleitet werden möchten und das in Ruhe.

Unter Familienfreundlichkeit und Flexibilität stelle ich mir andere Dinge vor. Ich will auch nicht meckern oder klagen, nein, aber in dieser Abendzeit ist es für unsere Familie, ganz speziell, einfach viel besser, wenn wir zusammen sind.

Meine Kinder sind noch klein. Mein Seidenraupenkätzchen braucht wie gehabt abends viel Aufmerksamkeit und eine ruhige Begleitung in den Schlaf. Meine Kinder haben sich aneinander angepasst, werden zur selben Zeit müde und schlafen fast täglich gleich ein. Das ist für mich ein Spagat und ich möchte ungern ihre Bedürfnisse nach Nähe nicht erfüllen. Das ist mir auch wichtig, dass sie gut und geborgen in den Schlaf finden dürfen. In der Spätschichtwoche weinen sie dann abwechselnd und ich kann mich einfach nicht zerteilen und viele Vorschläge nimmt das große Kind nicht an, da auch dort die Müdigkeit eintritt und das Bedürfnis nach Nähe stärker wird. Allein spielen im Zimmer – nein, es klappt nicht. Oft muss sie warten, weil das Baby erst einmal an der Reihe ist. Oft denke ich mir, sie ist noch so klein und muss müde so viel leisten. Wäre Papa jetzt da, könnte er noch mit ihr lesen und kuscheln oder dergleichen. Doch Papa ist in der Firma. Ich trage das weinende Baby durch den Raum, wenn er im Sprung ist und nichts anderes mehr hilft und sehe mein weinendes Kleinkind im Bett liegen, dass müde darauf wartet, dass ich zu ihr komme. Sie sitzt dann da und sagt : „Mama jetzt bin ich dran.“

Und da frage ich mich: Was ist eine Familie wert? Sind wir doch alles nur Nummern und Individualität ist für große Konzerne völlig unvorstellbar? Bedeutet es so viel Arbeit, neue Wege zu gehen und etwas umzudenken? Kostet es so viel Zeit, etwas umzuplanen?

Heute Abend habe ich meiner Tochter die Sendung mit der Maus auf dem Handy angemacht. Das mache ich nicht oft, aber heute tat ich es. Ich wollte einfach gewährleisten, dass mein Sohn endlich in Ruhe einschlafen kann, ungestört. Er hatte es heute so richtig schwer, so sind meine Kinder im Sprung. Sie haben starke Gefühle und das ist auch in Ordnung so. Schön finde ich das mit der Sendung nicht. Doch ich tat es trotzdem, weil Papa nicht da war, um sie zu begleiten oder ihn zu halten, wenn ich bei ihr bin. Schade eigentlich. Nachdem er eingeschlafen war, kuschelte ich mich zu ihr und sie schlief ein. Ich bin dann ziemlich kaputt und hätte mir den Abend auch etwas entschleunigter und entspannter vorstellen können. Ich habe viele Dinge versucht, doch das einzige was wirklich gut hilft ist, wenn wir abends alle zusammen sind. Allein und unbegleitet weinen lassen kommt für mich niemals in Frage. Ich bin da, bin im Raum und begleite meine Kinder in den Schlaf. Meine Mama kam auch schon helfen, meine Schwester auch und sie spielten noch mit ihr, während ich das Baby im Schlafzimmer in den Schlaf trug. Das geht einigermaßen gut, aber ist doch nur eine Notlösung, irgendwie. Eigentlich wünschen sich alle nur den Papa, damit es für uns als Familie abends entspannter zugeht. Die Zeit vor dem Schlafengehen ist so wichtig für uns und sollte einfach auch entspannt sein dürfen. Für die Kinder, für ihn und für mich.

In solchen Momenten frage ich mich echt, was alleinerziehende Eltern mit Kleinkindern leisten. Ich finde es einfach nur erstaunlich und ziehe immer und immer wieder demütig meinen Hut. Das muss ich so ganz ehrlich sagen. Ich wüsste nicht, wie ich da nach 3 Wochen am Stück aussehen und mich fühlen würde.

Ich wünsche mir jedenfalls für uns familienfreundlichere und flexiblere Unternehmen und Arbeitszeiten in Ostdeutschland. Ich will hier ja nicht weg, will aber auch nicht immerzu hintenan stehen. Ich lese oft von Blogger*innen, wie einfach und flexibel es sein kann. Es werden Lösungen gefunden und die Menschen schauen gemeinsam, was geht und was nicht. Hier wird mein Mann blöd angeguckt, wenn es um unsere Lebensweise geht und darum, wie er in das ganze System Familie integriert ist. Wir machen das eben gemeinsam, alles. Ich sage dazu: Irgendwer muss ja mal anfangen, auch hier im Osten, aus diesen Mustern auszubrechen. Dann sind wir es eben. Ich breche nämlich ziemlich gern aus. Ich möchte, dass es uns gut geht und da gehören nun mal alle Familienmitglieder zu. Vielleicht gibt es ja doch irgendwann noch eine Lösung.

Wie handhabt ihr das so? Kennt ihr diese Gefühle? Habt ihr Hilfe oder seid ihr abends allein?

Eure Leen

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8 Comments

  • Reply Frau Pappelheim 25. Januar 2018 at 21:36

    Ich war – und bin – abends oft allein, weil mein Mann im 24-Std-Schichtsystem arbeitet.
    Als der Jüngste noch ein Baby war, haben die Mädchen (5 und 1) ein Zimmer geteilt. Beim abendlichen Ins-Bett-Bringen hat dann die Große über Kopfhörer ein Hörspiel gehört, während ich bei der Kleinen am Bett saß, gesungen und gestreichelt habe und den Kleinsten an der Brust hatte. Leicht war das wirklich nicht, aber jetzt ist das schon ewig her. Der Jüngste ist schon 5, die Schlafenszeiten haben sich verschoben… So richtig gerecht werde ich allein dreien immer noch nicht, aber sie können jetzt besser warten.

    • Reply Leen 26. Januar 2018 at 22:33

      Es ist wirklich eine Aufgabe. Da hast du recht. Danke für deine Rückmeldung. Liebe Grüße Leen

  • Reply Simone 25. Januar 2018 at 21:37

    Ich habe drei Kinder,einen 4-jährigen Sohn und 20 Monate alte Zwillinge.Ich bin oft abends allein,da mein Partner 12 Stunden Dienst hat.Dh.er verlässt gegen 6uhr morgens das Haus und kommt dann abends gegen halb8 das Haus.Das eigentliche zu Bett gehen gelingt gut,wir legen uns alle gemeinsam hin und alle schlafen relativ ruhig ein.Das Bettfertig machen finde ich etwas anstrengend,da ich natürlich mit allem fertig werden möchte und meine Kinder noch mal so richtig aufdrehen :-).Nachdem alle schlafen,genieße ich die Ruhe und warte auf meinen Partner.Schade ist dennoch,dass Firmen weiterhin unflexibel und starr in ihren Systemen verharren.

    • Reply Leen 26. Januar 2018 at 22:34

      Wow Simone! Da ziehe ich echt meinen Hut vor dir! Ganz großen Respekt. Liebe Grüße Leen

  • Reply Madeleine 25. Januar 2018 at 21:43

    Hallo Marleen.
    Ich habe mein großes Kind anfänglich in der Stillzeit in den Schlaf begleitet, quasi in den Schlaf gestillt. Das habe ich einige Monate gemacht, bis ich das nicht mehr ertragen konnte. Nachdem wir ein passendes Ritual für den Abend gefunden hatten, ging das sehr gut mit dem Einschlafen. Kaum hat man Routine kommt das zweite Kind und bringt alles durcheinander. Das Gefühl dem anderen nicht gerecht zu werden kenne ich nur zu gut.
    Mein Partner hat mir leider noch nie beim Ins-Bett-bringen geholfen. Er wurde in dieser Hinsicht nicht gut erzogen, aber das ist ein anderes Thema. Ich habe das gut akzeptiert.
    Meine Kinder gehen auch, trotz des Altersunterschiedes zeitgleich ins Bett. Wir lesen abends zu dritt auf der Couch noch ein Buch und kuscheln gemeinsam. Dann geht der Große schon mal vor ins Bett und darf sich schon eine Geschichte aussuchen. In der Zwischenzeit lege ich den Kleinen hin. Drücken, leise Hörspiel an, die Tür bleibt offen, sodass er hört, dass im Nebenzimmer beim Bruder noch Geräusche sind und er nicht alleine ist.
    Mit dem Großen lese ich seit letzten Sommer noch etwas in der Fibel und dann gibt es mit Mama allein noch eine kleine Geschichte mit kuscheln, quasi Einzelkind-Zeit. Danach ebenfalls Drücker und Hörspiel an. So kommen beide Kinder auch gut ohne mich in den Schlaf. Und für uns alle ist es ok so, weil niemand zu kurz kommt.

    • Reply Leen 26. Januar 2018 at 22:36

      Dann habt ihr ja für euch die passenden Lösungen gefunden. Mal schauen, wie unsere aussehen werden. Liebe Grüße Leen

  • Reply Danke für diesen Beitrag 4. Februar 2018 at 15:49

    Liebe Leen, Dein Artikel berührt mich. Bisher habe ich das Thema Schichtarbeit in Blogs zur Bindungs- bzw. bedürfnisorientierten Elternschaft vermisst…
    Mein Mann arbeitet in einem inzwischen flexiblen (!!) 3-Schicht-System. Wir beide versuchen unsere beiden Kinder bedürfnisorientiert aufwachsen zu lassen. Da ich weiß, dass es ist keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich Partner so gleichberechtigt um ihre Kinder bemühen, bin ich dankbar. Gerade im Rahmen der Schichtarbeit stoßen wir jedoch deutlich an Grenzen. So wie du es auch beschrieben hast. Immer wieder neue Abläufe finden wegen des sich schnell ändernden jeweiligen Entwicklungsstands unserer noch sehr kleinen Kinder, zum anderen wegen der Schichten, die jede Woche anders aussehen und zusätzlich an mind. 2 Wochenenden im Monat geleistet werden müssen… Das kostet viel Kraft. Unser zweites Kind wurde vor fast genau einem Jahr geboren, als unser erstes Kind gerade 2 Jahre und 4 Monate alt war. Zunächst waren Frühschichten ok und Nacht- und Spätschichten, genauso wie die 36-Stunden-Wochenenddienste wegen der Einschlafbegleitung und intensiven Begleitung am Tag und in der Nacht eine große Belastung für mich/uns. Aktuell sind die Frühschichten auch nicht mehr so toll, weil entwicklungsphasenbedingt beide Kinder wach werden, wenn ihr Papa um 4 Uhr aufsteht. Es wird wieder anders, aber jetzt ist es wie es ist. Mein Mann und ich sind wie viele seiner Kollegen mit Kindern sehr oft an unserer Grenze (seelisch und körperlich) und stoßen zudem auf sehr hartes Unverständnis im Arbeitsumfeld (allerdings nur bei Menschen, die diese Situation nicht selbst erlebt haben). Der härteste Kommentar kam aber von einer kleinen Behörde in einem amtlichen Brief: Kinder und Schichtdienst…Das hätten wir ja alles vorher gewusst (genau so geschrieben!). (Fazit für uns: Selber Schuld, wenn du im Schichtdienst der Gesellschaft dienst. Dann kannst du eben keine Kinder kriegen und hast auch kein Recht auf Unterstützung). Nun ja. Momentan sind wir am Limit, wir können es nicht mehr allen anderen Recht machen, sind auf Unterstützung angewiesen und kommen häufiger in Konfliktsituationen. Es gibt Berufsfelder, da ist ein Schichtdienst notwendig, aber sicherlich lassen sich auch dort familienverträglichere Schichtmodelle finden, wenn die Bereitschaft da ist. Es gibt aber auch Berufsfelder zum Beispiel im Einzelhandel, da empfinde ich den Anspruch unserer Gesellschaft als übertrieben. Müssen wir um 7.00 Uhr oder um 21.30 Uhr prall gefüllte Frischeregale vorfinden? Ich persönlich hatte anfangs das Gefühl, es gehe für uns jetzt ums Aushalten und einfach überleben. Dieses Denken hat mich sehr frustriert. Inzwischen denke ich eher, dass wir durch diese Grenzerfahrung sehr wachsen. Wir grenzen uns besser von anderen ab und haben gelernt, wer wirklich zu uns steht und uns unterstützt. Wir sind erschöpft, aber gereift. Auch als Paar. Und wir haben für uns entschieden, dass wir aus dem Schichtdienst rauswollen und woanders Abstriche machen. Meinen höchsten Respekt an alle Eltern, die ihr Bestes geben und sich erlauben, nicht in allen Lebensbereichen perfekt zu sein!

    • Reply Leen 4. Februar 2018 at 16:34

      Hallo und danke für deinen Kommentar! Das berührt mich sehr! Ich fand es wirklich toll, wie viel Rückmeldung nach diesem Post kam. Ich habe mich auch oft so allein mit dieser „Problematik“ gefühlt. Wir werden alle unsere Wege und Möglichkeiten finden. Wovon ich aber nicht abweiche, ist, der bindungsorientierte Weg. Wenn es nicht klappt, müssen bei uns Eltern neue Lösungen her. Ich umarme dich aus der Ferne oder Nähe, wie auch immer. Liebe Grüße Leen

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