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Warum ich jetzt weiß, dass ich anders bin – Teil 1

4. Oktober 2017

Eigentlich wollte ich hier ganz anders beginnen, stellte dann aber fest, dass das mit einem Blogeintrag nicht getan ist. Deswegen etwas Schockierendes und Witziges vorweg.

Einige wissen, ich bin Lehrerin und wenn man da anders denkt als der durchschnittliche Beamte, können einem schon skurrile Dinge passieren.

Zur Vorgeschichte: Ich habe als Fachlehrerin eine neue Klasse bekommen. Während einer Stillarbeitsphase bewegte ich mich durch den Raum und schaute auf die Wand an der drei Plakate mit Klassenregeln hingen. Naja, es waren weiße Zettel mit Edding beschrieben. Auf einem Stand: „Du sollst nicht sprechen, wenn der Lehrer spricht.“ Man kann sich über den pädagogischen Inhalt streiten…eigentlich müsste man das, aber darum ging es mir eigentlich nicht.

Was dann passierte, steht sehr ausführlich in der Mail, die ich dann vom neuen Klassenlehrer bekam – an dieser Stelle kann ich einfach nichts vorwegnehmen.

Es war ein Sonntag und ich glaube mein Mund stand offen als ich die Mail las, denn meine „Aktion“ lag auch schon einige Wochen zurück.

Die Vermutung lag nahe, dass es dem Verfasser jetzt auch erst jetzt aufgefallen zu sein schien.

Liebe Frau Elis(e),

als ich gestern in den Klassenraum der o.g. Klasse gekommen bin, traute ich meinen Augen kaum: Die Klassenregeln, die der alte Klassenlehrer (Herr X) erarbeitet und fein säuberlich zu Papier gebracht hatte, waren verschwunden. Auf der Suche nach dem Übeltäter ist sehr schnell in übereinstimmenden Zeugenaussagen deutlich geworden, wer dafür verantwortlich zu sein scheint. Normalerweise halte ich mich ja ein wenig zurück, was Schüleraussagen angeht, aber die Klasse XY ist insgesamt sehr vertrauenswürdig, was das betrifft.

Da ich wirklich sehr sauer ob der Vernichtung dieses einzigartigen Kulturgutes war, habe ich einmal meine stellvertretende Klassenleitung angesprochen, ob diese grünes Licht für diese Vernichtungsaktion gegeben hat. Um es kurz zu machen: Frau Z war und ist, genauso wie ich, ziemlich verärgert über Ihr eigenmächtiges und völlig unverständliches Vorgehen.

Daher bitte ich Sie in aller Form darum, solche Aktionen in Zukunft zu unterlassen und allenfalls nach Rücksprache mit Frau Z oder mit mir aktiv zu werden – insbesondere in Bereichen, die in der Verantwortung des Klassenlehrerteams liegen.

Wir sprechen hier an unserer Schule immer wieder über das Klima im Kollegium. Solche eigenmächtigen Aktionen sind in meinen Augen aber alles andere als geeignet, um dieses zu verbessern. Zum Glück handelt es sich bei der XY um eine Klasse, die ihr Verhalten reflektieren kann. In anderen Lerngruppen hätten Sie jetzt die Aussage erarbeitet, dass Regeln für das Zusammenleben in einer Gesellschaft nicht notwendig seien.

Mit kollegialem Gruß

V

Ok, ich hatte die Zettel entsorgt,

OK, es ist nicht meine Aufgabe.

Ich fragte mich, ob er diese Mail auch anderen Kollegen geschrieben hätte. Ich denke nicht. Also wie reagieren. Die emotionale Reaktion oder doch lieber die Sachliche?

Ich entschied mich für eine deeskalierende Vorgehensweise – ich entschuldigte mich und bot ihm an die Plakate zu rekonstruieren. Gleichzeitig schrieb ich dem vorherigen Klassenlehrer eine Entschuldigungsmail und beichtete meine Untat. Dieser reagierte irritiert und fragte, ob das ironisch gemeint sei. Es folgte keine Reaktion auf meine Mail.

Trotzdem fragte ich mich, warum er nicht das persönliche Gespräch gesucht hatte. Wollte er sich nicht mit mir auseinandersetzen?

Update: Nun fand tatsächlich ein Gespräch statt. Ich ging auf ihn zu. Er war immer noch der festen Auffassung, dass es in Ordnung gewesen sei, mir Böswilligkeit zu unterstellen. Außerdem machte ich ihn darauf aufmerksam, dass er mehrmals in seiner Mail hervorhob, dass die Klasse reflektiert sei und die Bedeutung von Regeln kennt.

Wozu also dieses Theater?

Warum stellt man denn als neuer Klassenlehrer auch nicht neue Regeln auf, auch wenn sie eventuell unnötig sind?

Eines war ihm sichtlich unangenehm, dass ich den anderen Klassenlehrer darüber informiert hatte.

Was ich mir dabei gedacht hatte:

In unser Schule ist die Gestaltung der Klassenräume z.T. nicht von großer Bedeutung. Bilder und Plakate haben in einigen Räumen eher eine historische Bedeutung. Auf manchen Schränken liegen seit Jahren die verschiedensten Dinge die ein Eigenleben haben.

Ich fragte die Klasse, ob ihnen die Plakate wichtig seien, wie alt sie sind und ob sie die Regeln verinnerlicht hätten. Nach einigen Jahren brennt sich ja sowas ins Gehirn…eigentlich wollte ich ihnen damit signalisieren, dass ich sie ernst nehme, und dass sie sich in ihrem Raum wohlfühlen sollten und ich sie wertschätze.

In der Mail wurde deutlich, was daraus werden kann, wenn man anders agiert als es der typische Beamte gewohnt ist. Das ganz zieht sich übrigens durch meinen gesamten Unterrricht. In diesem Sinne werde ich Leen weiter mit meiner Arbeit in der Schule unterstützen: Beziehung statt Erziehung.

Alles Liebe Elis(e)

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